Fleisch – eine Frage der Haltung(sform)?

Eher eine persönliche Note

Auch Sie sind über den Begriff „Haltungsform“ gestolpert. Das bedeutet, Sie interessieren sich nicht nur für Geschmack, sondern möchten mehr über die Aufzucht und Herkunft der Tiere erfahren. Es ist schön zu sehen, dass sich immer mehr Menschen aktiv mit dem Thema einer artgerechte Tierhaltung auseinandersetzen.

Jetzt fragen Sie sich konkret: „Welche dieser tollen Zahlen hat denn nun die Metzgerei Hielscher? Ich möchte gerne auf Basis dieses 4-teiligen Zahlensystems eine Entscheidung treffen, die mir ein gutes Gewissen verschafft.“ Nun lässt sich unseres Erachtens die Frage der artgerechten Haltung nicht auf vier Zahlen herunterbrechen. Lassen Sie uns Ihnen das erklären:

Die Einstufung unter dem Begriff „Haltungsform“ dient lediglich als großer gemeinsamer Nenner einiger Supermärkte und Discounter, um bestehende Label und Siegel zu kategorisieren. Der wesentliche Hintergrund ist wahrscheinlich die Anonymität, die mit einer großen Einkaufsorganisation einhergeht. D.h. der konkrete Bezug, von welchem Bauern das Fleisch stammt, ist im Kontakt zum Kunden wohl nicht mehr nachvollziehbar. Da scheint es geradezu verständlich, dass Hochglanz-Plakate der Konzerne hingegen ein gänzlich anderes Bild „aus der Region“ zeichnen wollen. In diesem Kontext überrascht es dann auch nicht mehr, wenn ein beträchtlicher Teil des Fleisches – wohlgemerkt trotz medialer „5xD“-Bekenntnisse – auch weiterhin (billig) aus dem Ausland importiert wird*. Bei all den guten Vorsätzen des Haltungsform-Ansatzes ist den Beteiligten vor allen Dingen ein Marketing-Instrument gelungen, das die Anonymität ihres Fleischbezugs durch entsprechende Label und wohlklingende Siegel in den Hintergrund rücken lässt.

An dieser Stelle wird wahrscheinlich schon ersichtlich, dass wir als handwerkliches Fachgeschäft nicht Bestandteil dieser privatwirtschaftlichen Initiative sind. Schlicht, weil uns ein anonymer Fleischeinkauf als Hauptbeweggrund gänzlich unbekannt ist. Stattdessen können wir tatsächlich die Herkunft unserer Tiere bis zum einzelnen Bauern zurückverfolgen. Tierwohl ist eben nicht (nur) dort, wo ein Label draufsteht. Denn unserer Überzeugung nach geht die Frage einer artgerechten Tierhaltung weit tiefer, als die checklisten-basierte Kategorisierung einer Handvoll Kriterien abzubilden vermag. So sind beispielsweise die Aspekte Lebendtransport und Schlachtung unseres Erachtens ganz maßgeblich für die Beurteilung einer artgerechten Tierhaltung. Stundenlange Lebendviehtransporte hingegen widersprechen diesem Gedanken vollends. Ein Label, dessen Einstufung dem Kunden gute Haltungsbedingungen suggeriert und gleichzeitig solch wesentliche Faktoren gänzlich ausklammert, steht unserem Verständnis zur Einhaltung und Verbesserung des Tierwohls diametral entgegen.

Die langjährige Erfahrung hat uns gelehrt, dass es vor allem um die Menschen geht, die täglich ihrer Berufung nachgehen. Nachhaltiges Tierwohl kann nur durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Anerkennung für die Arbeit unserer Landwirte entstehen. Dabei wäre es falsch zu verallgemeinern und konventionelle Tierhaltung** pauschal abzuwerten, wie es nicht selten in den Medien und neuerdings auch aus politischer Richtung passiert, nur weil diese Stallungen beispielsweise für eine Haltung ohne Stroh ausgelegt sind. In 2022 lag der Anteil an Strohschweinen unter 5% aller Schlachtungen in Deutschland. Zu dieser Wahrheit gehört allerdings auch die Tatsache, dass mit einer Umstellung auf Stroheinstreu ein grundlegender Hofumbau notwendig wird, um den zusätzlichen Säuberungsbedarf abzudecken und die Haltung auch wirtschaftlich betreiben zu können. Gerade die politischen Rahmenbedingungen stehen einer flächendeckenden Initiative der Schweinebauern nun schon seit geraumer Zeit gänzlich entgegen.

Seit jeher pflegen wir langjährige, enge Kontakte zu Erzeugern, Schlachthöfen und Landwirten aus der Region. Ergänzt durch kurze Transportwege und stressfreie Schlachtbedingungen bei unseren Handwerkskollegen verfolgen wir einen umfassenden Ansatz einer artgerechten Tierhaltung. Ebendiese Bedingungen bei Transport und Schlachtung haben auch unmittelbaren Einfluss auf die tatsächliche Fleischqualität. Wir überzeugen uns persönlich von den Gegebenheiten vor Ort. Denn nur im partnerschaftlichen Austausch mit den Erzeugern können wir die Qualität und die Art der Tierhaltung gewährleisten, für die wir schlussendlich mit unserem Familiennamen stehen.

Weitergehende Infos finden Sie [hier].

*) Bestes Beispiel hierfür ist ein führender Discounter in bestimmender Marktstellung, der medial eine große Marketing-Kampagne für einen Haltungswechsel in Deutschland fährt. Trotz seiner medienwirksamen Ankündigung für „5xD“ senkten sie im Juli 2022 überraschend die Preise – während eines deutschlandweit allgemeinen Preishochs für Schweinefleisch. Zurückzuführen war die Preissenkung schlussendlich darauf, dass sich der Discounter günstige Restbestände aus der gesamten EU sichern konnte. Leider nur in der Fachpresse nachzuvollziehen. (Quelle: ISN; Allgemeine Fleischerzeitung (afz), 12. Juli 2022)

**) Beispielsweise werden auch Tiere der Initiative Tierwohl, kurz ITW, der konventionellen Tierhaltung zugerechnet.

Haltung_Hielscher